RÜckblick    Berichte 2012    19.11.2012  

Die "Hexe von Leonberg" - der Hexenprozess gegen Katharina Kepler

er Referent Herr Wolfgang Dietz M.A., vom Historischen Institut der Universität Stuttgart, berichtete unter dem Titel "Die Hexe von Leonberg - der Hexenprozess gegen Katharina Kepler" am 19.11.2012 im Römerkeller Stettfeld umfassend über die Hexenprozesse Anfang des 17. Jhdt. – insbesondere über den Prozess gegen Johannes Keplers Mutter, Katharina Kepler, welcher in Güglingen und Leonberg geführt wurde.

Die im August 1615 des Hexerei Deliktes beschuldigte Katharina Kepler, Mutter des berühmten Astronomen und Mathematikers Johannes Kepler, war ein Opfer der frühneuzeitlichen Hexenverfolgungen, welche in einzelnen Kleinherrschaften und Kleinterritorien, des konfessionell und rechtlich zersplitterten Heiligen Römischen Reichs Deutscher Nation, als Zentren der Verfolgung intensiv durchgeführt wurden und in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts in Europa ihren Höhepunkt erreichen sollten.

Drei Faktoren prägten die Hexenverfolgungen in Europa:

1. Das Konzept des Hexerei Deliktes, das aus Schadenszauber, Teufelspakt, Teufelsbuhlschaft, Hexenflug und Hexensabbat bestand, musste bei der Bevölkerung und der Herrschaft bekannt sein und bei der Deutung von Unglücksfällen, wie beispielsweise Wetterkatastrophen, angewendet werden.

2. Eine allgemeine Krise, wie z. B. eine durch Hagelschlag verursachte Missernte, musste sich vor Ort zu einer konkreten Notlage verdichten.

3. In der einzelnen Herrschaft musste sich ein Justizsystem formiert haben, dass einerseits in der Lage war, viele Hexenprozesse in kurzer Zeit zu verhandeln, andererseits aber noch nicht von einer professionellen Verwaltung kontrolliert wurde.

Im Herzogtum Württemberg mit seiner ausgeprägten Justizverwaltung wurden nachweislich nur etwa 30 % der Hexereiprozesse mit einer Verurteilung beendet, obwohl damals, wie Johannes Kepler in einem Brief geschrieben hatte, in Württemberg das Wort umging: "Nur auff den Scheitterhauffen mit alten Weibern". Die 1547 oder 1550 geborene Katharina Kepler erfüllte alle Voraussetzungen der Hexerei angeklagt zu werden: sie war eine fast 70-jährige alleinstehende Frau, die in ihrem Wohnort Leonberg keinen guten Leumund besaß. Darüber hinaus wirkte in der Amtsstadt Leonberg mit Lutherus Einhorn ein Vogt, in dessen Amtszeit von 1613 bis 1629 mit acht Hexenverbrennungen vergleichsweise viele derartige Hinrichtungen fielen. Er versuchte, zusammen mit der Partei der Kläger sämtliche vom württembergischen Recht vorgesehenen Möglichkeiten zugunsten der Anklage auszuschöpfen. Die erste Vernehmung Katharina Keplers zu den Hexereivorwürfen erfolgte ohne Rechtsbeistand und mit Androhung von Waffengewalt. Den Klägern wurde durch ständige Verzögerung von Gerichtsterminen ermöglicht, eine große Zahl an "Zeugen" für die Zaubereivorwürfe ausfindig zu machen.

So war es ein Glück für die Angeklagte, dass der Prozess auf Bitten ihres jüngsten Sohnes Christoph aus der vergifteten Atmosphäre Leonbergs in die Amtsstadt Güglingen verlegt wurde. Zudem schöpfte ihr ältester Sohn Johannes zugunsten seiner Mutter sämtliche Mittel des württembergischen Justizwesens aus und stand ihr auch in der letzten entscheidenden Befragung bei. Besonders dieser Unterstützung verdankte Katharina Kepler die Ablehnung der von der Anklage beantragten Folter wegen mangelnder Indizien. Da sich jedoch die Tübinger Juristenfakultät und der Oberrat nicht auf einen bedingungslosen Freispruch einigen konnten, verhängten sie die Folter ersten Grades, die sogenannten Territio verbalis, in welcher der Scharfrichter der Delinquentin die Folterinstrumente lediglich zeigte und erklärte. Hierbei konnte sich Katharina Kepler schließlich selbst entlasten und wurde auf Befehl Herzog Johann Friedrichs von Württemberg am 4. Oktober 1621 frei gesprochen, jedoch erst am 7. Oktober nach insgesamt 405 Tagen in Haft entlassen.

Die detaillierten Ausführungen des Vortragenden wurden von einer 34-köpfigen Zuhörerschaft mit großem Interesse begleitet und mit ebenso großem Applaus belohnt.