RÜckblick    Berichte 2012    22.10.2012  

Die Frau des Archäologen – Agatha Christie bei Ausgrabungen im Vorderen Orient

ieß der Stettfelder Abendvortrag von Dr. Claudia Braun, der Leiterin der Antikensammlung der Reiss-Engelhorn-Museen Mannheim, am 22.10.2012 im Römerkeller Stettfeld. Sehr präzise, unterstützt von vielen teils von Agatha Christie selbst aufgenommen Fotos von Ausgrabungsarbeiten, den handelnden Personen und den wertvollen Funden, berichtete sie über eine weniger bekannte Seite der weltberühmten Kriminalschriftstellerin.

Agatha Christie (1890-1976) wurde nach Anfangserfolgen als Schriftstellerin eine sehr aktive Partnerin bei Ausgrabungen im Vorderen Orient. Sie hatte in zweiter Ehe den wesentlich jüngeren Max Mallowan (1904-1978) geheiratet, der dank seiner Grabungserfolge und Forschungen zu einem der bedeutendsten Archäologen der Ausgrabungen im Nahen Osten wurde.

Von 1928 bis 1958 hielt sich Agatha Christie mehrfach im Vorderen Orient auf, dem sie auf tiefe Weise verbunden war. Ihre erste Reise im Herbst 1928 führte sie nach Bagdad und nach Ur im Süden des Irak, wo sie Land und Leute kennen lernte und ihre Begeisterung für die Archäologie entdeckte. Ab 1931 hat sie dann regelmäßig 3-4 Monate im Jahr an Grabungen ihres Mannes teilgenommen und sich auch an den Kosten beteiligt. Das Leben im Camp, wo sie sich unprätentiös ins Team einfügte, bot ihr viele Anregungen und Erlebnisse, die sie in ihren Romanen verarbeitete.

Die Schilderung der einzelnen Grabungen (im Irak Niniveh, Tell Arpachiyah, Nimrud, Balawat, in Syrien Chagar Bazar, Tell Brak) beinhaltet auch die bahnbrechenden Funde und Forschungsergebnisse, mit denen erstmals ein archäologisches Grundgerüst für die Geschichte Vorderasiens gelegt werden konnte.

Auf vielfältige Weise hat Agatha Christie bei den Ausgrabungen mitgewirkt: als Aufseherin über die einheimischen Grabungsmitarbeiter, Zeichnerin, Fotografin, Kamerafrau, Dokumentarin (Katalogisierung und Beschriftung von Funden), Restauratorin und medizinische Assistentin (dank ihrer ehrenamtlichen Tätigkeiten als Krankenschwester und Apothekenhelferin im 1. und 2. Weltkrieg).

Auch entstand der überwiegende Teil von Agatha Christies Werken, die 1933-1938 erschienen sind, auf diesen Grabungen. Als Beispiele seien genannt: Mord im Orient Express (1934), Mord in Mesopotamien (1936), Tod auf dem Nil (1937), Rendezvous mit einer Leiche (1938). Das Theaterstück "Zeugin der Anklage" (1953) schrieb sie in Bagdad.

Von der 46 Jahre dauernden Ehe Agatha Christies mit Max Mallowan profitierten die Archäologie und vor allem Max Mallowan selbst aufgrund der tatkräftigen, emotionalen und finanziellen Unterstützung durch die erfolgreiche Autorin. Trotz aller Hingabe an die Archäologie behält die Autorin jedoch einen kritischen Blick, der sich auch in spöttischen Bemerkungen über Archäologen äußert.

Die Referentin, die durch Reisen in jüngster Zeit nach Syrien und zu den dortigen Ausgrabungsstätten auf die Rolle Agatha Christies in der Archäologie aufmerksam wurde, hat sich ausführlich mit den Autobiografien von Agatha Christie und Max Mallowan beschäftigt. Die Schilderungen in "Erinnerung an glückliche Tage" (1946) sowie eigenhändig gemachten Aufnahmen der Schriftstellerin und Briefe des Ehepaars lagen dem Vortrag ebenso zugrunde. Schließlich fand sie ergänzendes Material in dem Katalog einer Ausstellung in Essen "Agatha Christie und der Orient" (1999).

Die 35 Besucher der Veranstaltung waren sehr beeindruckt von der einfühlsamen Schilderung des archäologischen Lebensabschnitts der berühmten Kriminalschriftstellerin und bekundeten ihren Dank für diesen Vortrag mit lang anhaltendem Applaus.