RÜckblick    Berichte 2017    23.10.2017  

Die Christianisierung des Kraichgaus – Wann, wie und wieso die Region christlich wurde ...

m 23. Oktober 2017 hielt Jeff Klotz, Leiter des Römermuseums in Remchingen, in Kooperation mit dem Katholischen Bildungswerk und vor vollbesetztem Saal, einen Vortrag über die Christianisierung Südwestdeutschlands und des Kraichgaus. Zu Ende der römischen Herrschaft stehen nur wenige linksrheinische Städte mit einem Stadtpfarrer (Bischof) den heidnischen Alamannen, einem aus vielen elbgermanischen Völkern zusammengewürfelten Haufen, dessen Stammesgenese erst auf ehemals römischen Reichsboden erfolgte, gegenüber. Alamannische Funde aus der Zeit des 3. und 4 Jahrhunderts sind in unserer Gegend selten und recht unspektakulär, jedoch macht sich in der Bestattungssitte schon um 450 n. Chr. - und damit ca. 50 Jahre vor der Schlacht von Zülpich, in der die Franken über die Alamannen siegten, fränkischer Einfluss durch die nun auftretenden, O-W ausgerichteten Reihengräberfelder bemerkbar. Nach dieser siegreichen Schlacht können die Franken ihre Macht rasch ausdehnen, da sie nur die einheimischen Fürsten ersetzten, die alten Herrschaftsstrukturen jedoch beibehielten. Um 600 ist zwar eine christliche fränkische Führungsschicht zu erkennen; die Bevölkerung hängt aber immer noch zu einem Großteil dem alten Glauben an. Dies ändert sich in den nächsten Jahrzehnten: Ab der Zeit um 630 nehmen in den Gräberfeldern Beigaben mit christlichen Symbolen deutlich zu. Als Beispiele seien hier Goldblattkreuze und dünne Gewandschließen mit christlichen Symbolen, die sogenannten Brakteatenfibeln, aufgeführt. Christliche und heidnische Beigaben halten sich noch die Waage, bis um 700 die heidnische Beigabensitte ganz wegbricht. Was ist geschehen?

Um 600 kommen über das Gebiet des heutigen Frankreichs Wandermönche der iro-schottischen Mission an den Rhein. Diese leiten den Missionsbefehl nicht wie andere Mönchsgruppen aus dem Epheser-, Römer- oder Korintherbrief ab, sondern aus dem Alten Testament, Genesis 12,1. Die Antriebsfeder dieser Wandermission (Peregrinatio) ist, durch die Missionierung die eigene Schuld und Sünde abzubüßen. Ab 600 entstehen zahlreiche Klöster in unserem Gebiet, wie Weißenburg, St. Gallen oder Schuttern, die durch Schenkungen der Adligen zu Grundbesitz und Reichtum kommen; der heidnische Opferkult wird somit in einen christlichen Schenkungskult umgewandelt: Grundbesitz im Tausch gegen Seelenheil. Der Adel ist Träger der Christianisierung und gründet die ersten, meist noch hölzernen Ortskirchen. Durch eine Ausbildung vor Ort und Anpassung an die unterschiedlichen Gegebenheiten und Dialekte, ist die Mission der Mönche rasch erfolgreich.

Um 760/80 ändert sich die Lage erneut: Die Bischöfe der Städte verleiben sich die Klöster und deren Umlandsbesitzungen ein (Inkorporation) und es entstehen somit die ersten größeren Bistümer. Ebenso erfolgt mit den Klostergründungen auch ein Siedlungsausbau und es verfestigen sich langsam die bisher wandernden Ortslagen. Grundbesitz wird in den nun zahlreich entstehenden Kodexen (z.B. im Lorscher Kodex) dokumentiert. Mit der Herrschaft Karls des Großen ist das Christentum in unserer Region völlig etabliert: In der Pfarrordnung, dem Corpus Christianum von 786, wird bestimmt, dass jeder Ort seinen eigenen Pfarrer, Kirche und Friedhof erhält. Zugleich werden die Kirchenbücher eingeführt, welche – als angenehmer Nebeneffekt- auch als Grundlage für Besteuerung und Wehrdienst dienen. Die ehemaligen Adelskirchen sind nun Stifterkirchen und Grablegen für den Dorfadel. Bestattet wird in und um diese Kirchen, womit die Sitte der Reighengräber aufhört zu existieren. Es kommt jetzt der Typ der fränkischen Saalkirche auf, mit Eingang auf der Südseite und abgeschranktem Chorraum. Zum Schluss des Vortags zeigte der Referent noch Bilder des um 1050 entstandenen Evangelienreliefs aus Nöttingen mit Kreuzigungs- und Wiederauferstehungsszene. Dort treten die Symbole der Evangelisten und das Lamm Gottes gegen die Mächte der Finsternis an – und schon die Verteilung der Figuren, 2/3 das Gute und 1/3 das Böse, zeigt, wer schließlich Oberhand behält: Ende gut, alles Gut!