RÜckblick    Berichte 2011    29.03.2011  

Mehr als rote Zahlen

nter diesem Titel hat Dr. Markus Scholz vom Römisch-Germanischen Zentralmuseum Mainz aus Anlass der diesjährigen Sonderausstellung im Römermuseum am 29.03.2011 im Römerkeller Stettfeld referiert. Mit vielen fotografischen Beweisstücken untermauert, überzeugte der Referent das Auditorium, dass römische Ziegel nicht nur Baumaterial, sondern auch vielfältige Informationsträger waren.

Die noch weichen Oberflächen von Ziegelrohlingen haben bisweilen Inschriften und Alltagsspuren unterschiedlicher Art aufgenommen, die durch den Brand im Ziegelofen konserviert wurden. Die noch weichen Oberflächen von Ziegelrohlingen haben bisweilen Inschriften und Alltagsspuren unterschiedlicher Art aufgenommen, die durch den Brand im Ziegelofen konserviert wurden. Während Stempel wegen ihres offiziellen Charakters traditionell eine hohe Aufmerksamkeit in der Forschung genießen, werden die Graffiti in der Literatur bisher eher beiläufig oder als einzelne Kuriositäten gewürdigt. Sie kommen seltener vor als Stempel bzw. gehen oft wohl unerkannt verloren. Das gilt auch für die unabsichtlich oder ohne erkennbare Motivation eingedrückten Spuren von Menschen, Tieren oder Gegenständen.

Die Graffiti erscheinen zunächst als situationsbezogene Notizen oder spontane Äußerungen. Im Gegensatz zu den Stempeln lassen sich fragmentarische Texte wegen ihres individuellen Charakters kaum rekonstruieren. Besser erhaltene Graffiti gewähren aber teilweise bemerkenswerte Einblicke z.B. in Gesellschaft und Umgebung der Ziegeleien sowie in die Spielarten antiken Humors. Dabei genügt es nicht, nur die Inschriften isoliert zu betrachten, sondern gegebenenfalls alle Spuren auf einem Ziegel. Dazu zwei Beispiele: Ein kaum anders als ironisch zu verstehender, in eine mehrere Kilogramm schwere Platte aus Bad Vilbel-Dortelweil geritzter "Liebesbrief" wurde offensichtlich durch die Trittspuren eines Hahns - in der Antike ein beliebtes Fruchtbarkeitssymbol - provoziert. Die Inschrift orientiert sich an der Laufspur.

Über die Hälfte der Oberfläche einer anderen Platte von der Saalburg wird von frischen Fußabdrücken, Sitz- und Knetspuren eines oder mehrerer Kleinkinder bedeckt. In einer noch unberührten Ecke, wiederum auf die Spuren Rücksicht nehmend, steht die Ritzinschrift Oreus (et) Monos (sunt) Cares, magis quam Laurentius = "Oreus und Monos sind Karier (= Unholde), noch mehr als Laurentius". Es liegt die Vermutung nahe, dass die offenbar unbeaufsichtigten Kleinkinder mit den griechischen Namen Oreus und Monos den Ziegelrohling regelrecht als Spielplatz missbrauchten. Statt den Ziegel erneut zu glätten, fügte ein Ziegler diesen launigen Kommentar hinzu. Kinder in der Legionsziegelei sind kein Einzelfall. Der Graffito wird erst durch die Kinderspuren verständlich. Neben den Herstellerstempeln boten frisch gestrichene und zum Trocknen ausgelegte Ziegel auch Flächen für handschriftliche Notizen und Nachrichten, die Einblicke in die ausgeklügelte, schon beinahe industrielle Organisation von Ziegeleien gewähren. Darüber hinaus reizte der feuchte Ziegelton zu allerlei Späßen, Beschimpfungen oder forderte quasi als preiswertes Schulheft zu Schreib- und Zeichenübungen von Kindern wie Erwachsenen heraus.

Der Brand der Ziegel hat der Nachwelt erstaunliche bis heitere Momente im Alltag und gesellschaftlichen Umfeld der Ziegler und Bauherren konserviert. Zufällige Abdrücke und Tierspuren (z. B. ein Ziegel mit dem Abdruck einer erschlagenen Maus, die später einwandfrei von der Spezies her zu identifizieren war) überliefern ansonsten verlorene Begebenheiten des antiken Alltags und sind somit ebenfalls beredte Zeugen des antiken Lebens.