Stettfelder Abendvorträge 2021/22

Der Freundeskreis Römermuseum Stettfeld e.V. möchte auf dieser Seite auf eine in der Region bekannte und beliebte Institution - die Stettfelder Abendvorträge in 2021/2022 - aufmerksam machen. Nachfolgend ein Überblick über die Vorträge in 2022.

“Vom Hades zum Olymp” - Eine antike Monumentalvase aus Süditalien und ihr mythologischer Kosmos

Referent/in:   Susanne Erbelding, Bad. Landesmuseum Karlsruhe
Zeit: 19 Uhr
Ort: Römerkeller in Stettfeld
Eintritt: 4 €, Schüler & Studenten 2€
Veranstalter:   Freundeskreis Römermusuem Stettfeld e.V.

Der sog. Unterweltsvase (Inv. Nr. B 4), datierend in die Mitte des 4. Jh. v. Chr., ist eine sehr seltene monumentale Prachtvase und ein Kulturgut von nationalem Rang. Seine besondere Bedeutung besteht nicht nur in der ungewöhnlichen Qualität, der kunsthistorischen Relevanz oder der aussagekräftigen Zeitzeugenschaft für unser Verständnis der antiken Kultur- und Mentalitätsgeschichte. Das Objekt ist außerdem ein Meilenstein der regionalen sowie nationalen Sammlungs- und Institutionsgeschichte. Aufgrund seiner Provenienz bzw. Akquise im 19. Jahrhundert steht es auch im Kontext der Gründung der Karlsruher Antikenkollektion. Seit 185 Jahren fasziniert der kunst- und kulturhistorische Facettenreichtum des Prunkgefäßes Wissenschaft und Öffentlichkeit.

Der 1,22 m hohe Volutenkrater aus dem italienischen Ruvo in Apulien, der antiken Polis Rhyps, stammt aus der Blütezeit der griechisch geprägten Städtelandschaft Unteritaliens, der Magna Graecia. Funktional handelt sich um ein Grabmonument, ein Zeugnis der in Unteritalien besonders luxuriös ausgeprägten Sepulkralkultur. Bei der kunsthistorischen Einordnung fällt sofort die außergewöhnliche Monumentalität des Gefäßes ins Auge. Diese stellte für die antiken Töpfer eine enorme handwerkliche und herstellungstechnische Herausforderung dar, das Maximum des in dieser Zeit mit dem Werkstoff Keramik Erreichbaren. Als herausragend präsentiert sich ebenso die Qualität des Dekors, die Vasenmalerei. Die Linienführung imponiert gleichzeitig mit Akkuratesse und Dynamik, die Verwendung von verschiedenen farbigen Engoben und Deckfarben verleiht dem Gefäß eine eindrucksvolle Polychromie. Mit der Funktion des Objekts in engem Zusammenhang steht die Thematik seiner Bilder, welche insbesondere die Unterwelt bzw. das Leben nach dem Tod – zumindest ein potentielles Szenario daraus – porträtieren. Im Zentrum der Hauptansichtsseite thronen die Gottheiten der Unterwelt, Hades und Persephone, in ihrem Palast, richtend über Heroen und Heroinen der griechischen Mythologie: Sisyphos, Theseus, Herakles, Orpheus, die Danaiden. Auf der Gegenseite besiegt der Held Bellerophon, umgeben und scheinbar mental unterstützt von einer Gruppe Olympischer Götter, das feuerspeiende Ungeheuer Chimaira, das personifizierte Verderben. Diese Darstellungen geben einerseits Aufschluss über die Jenseitsvorstellungen der unteritalisch-griechischen Kultur, andererseits über das Weltbild des Menschen in der Polis-Gesellschaft der Magna Graecia während der spätklassischen Epoche.

Die sog. Maler’sche Unterweltsvase gehört zu den ersten Erwerbungen für die auf Großherzog Leopold von Baden (1790-1852) zurückgehende staatliche Antikensammlung Karlsruhes. Diese wurde für die 1837 politisch beschlossene, 1846 als eines der ersten öffentlichen Museen Deutschlands eröffnete heutige Karlsruher Kunsthalle begründet.

Im Rahmen einer ersten systematischen Akquise von Antiken für das neue Museum beabsichtigte man, archäologische Originale von Italiens Ausgrabungsstätten vor Ort zu kaufen. Mit diesem Unterfangen wurde 1837 der vielseitig gebildete Friedrich Maler (1799-1875), studierter Architekt und Schüler Friedrich Weinbrenners, beauftragt. Bereits seit 1834 fungierte er als großherzoglicher Diplomat im Vatikan und war dauerhaft im Kirchenstaat ansässig. In Rom pflegte der Kunstagent des Großherzogs Kontakte zu Gelehrten und Künstlern. Seine Korrespondenz mit den badischen Behörden lässt vermuten, dass er sich auf diese Weise profunde altertumswissenschaftliche Fachkenntnisse aneignete, aber auch Netzwerke aufbaute, welche ihm zum Erwerb interessanter Antiken verhalfen. Zu diesen zählt, wie seinen Gesandtschaftsberichten zu entnehmen ist, auch eine „große Prachtvase aus Ruvo“: der Unterweltskrater.

Seit 1846 ist das Gefäß in den staatlichen Museen Karlsruhes ausgestellt, zunächst in der Kunsthalle, ab 1875 im Museum für großherzogliche Altertümer am Friedrichsplatz. 1919, im Gründungsjahr des Badischen Landesmuseums, ging es in dessen Besitz über, um dort bis heute das Herzstück einer der ältesten und bedeutendsten Kollektionen antiker Vasen in Deutschland zu bilden.

Die sog. Unterweltsvase. Die monumentale Prachtvase, ein 1,22 Meter hoher, unteritalisch-spätklassische Volutenkrater aus Ruvo di Puglia, wurde 1838 von Friedrich Maler für die Antikensammlung der Karlsruher Kunsthalle in Neapel erworben (Bildrechte: Badischen Landesmuseum KA).